Seid nüchtern und wacht!
Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge. Dem widerstehet, fest im Glauben, und wisset, daß ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. 1. Petrus 5:8-9
Ein Weg, auf dem manche Kinder Gottes das Leben verlieren, ist die „geistliche Trägheit“, das Weglegen der Waffen, das Versäumen der Gnadenmittel sowie der Übung des Glaubens und der guten Werke. Im Anfang des Gnadenlebens war es so lieb, mit dem Worte umgehen zu dürfen und von Christus, vom Glauben, von der Gnade, von der Liebe und von guten Werken zu lesen, zu hören, zu reden oder zu schreiben, sowie im Gebet mit seinem Gott zu reden und am Abendmahlstisch von Ihm sich speisen zu lassen.
Da waren alle diese Stücke auch dem Herzen lieblich und angenehm, und das ganze Wesen war christlich. Dann aber wurde dies alles weniger wichtig. Es kamen z. B. neue Verrichtungen und Hindernisse. Der Teufel machte diese sehr wichtig und flösste der Seele außerdem ein, da sie ja doch wisse, was sie zu wissen nötig habe, so könnte sie jetzt eine Zeitlang vom Gedächtnis leben und hoffen, dass Gott das Leben wohl bewahren würde.
Kann der Teufel dich jetzt vom Wort hinwegführen, dann kann er dich nachher leiten, wohin er will. Dies ist der Weg zu allerlei Abwegen, Übertretungen und zum Fall. Bald sieht der Mensch nicht mehr Sünden bei sich als diejenigen, die die Vernunft bestraft, und bald glaubt er nicht mehr von der Gnade, als er sich würdig hält, glauben zu dürfen. Weil aber das Sündengefühl abstirbt, hat er trotzdem genügenden Trost, und er steht bald wieder in einem blossen Naturzustand da.
Zur geistlichen Trägheit gehört auch, die Befolgung des Wortes zu versäumen und die Stimme des Geistes nicht zu beachten. Anfangs wollte der Mensch alles tun, was der Herr uns befohlen hat; er wollte auf alle christlichen Pflichten achten. Gewiss konnte er nicht alle erfüllen, aber er strebte eifrig danach und hielt jeden Mangel für eine Sünde, die er vor Gott beklagte, und bat um Vergebung sowie um Gnade und Kraft zur Besserung.
Jetzt dagegen fängt er an, sich ein gewisses Ziel zu stecken, wieviel er selbst tun kann und soll; alles übrige unterlässt er ganz, strebt nicht danach, denkt nicht daran. Wenn er aber nicht nach mehr strebt als nach dem, was er schon tut, dann wird die natürliche Folge sein, dass er keinen Mangel zu bereuen hat und dass er bald so gut zu sein wähnt, wie er sein will. Alle Selbstzufriedenheit rührt von der Trägheit und vom Vergessen der Heiligkeit Gottes und der geistlichen Forderungen der Gebote des Herrn her.
Wenn der Mensch jetzt mit sich zufrieden ist und keine weiteren Schulden und Mängel fühlt, was ist dann der Glaube und das ganze geistliche Leben? Was ist dann Christus für ihn? Ein Traumbild oder vielleicht ein Heiligmacher, aber kein Fürsprecher bei dem Vater; ein König, den man kennen, ehren und dem man huldigen soll, der aber in Wahrheit in der Tiefe des Herzens nicht so wichtig und unentbehrlich ist, wie ein Fürsprecher es wäre, der für uns vor dem Angesicht Gottes steht und der stündlich unsere alleinige Gerechtigkeit ist.
Kurz, der Heiland, der Versöhner hat für das Herz sein rechtes, eigentliches Amt und Seinen wahren Wert verloren; Er ist nicht in Wahrheit des Herzens Leben und Trost, sondern ist es nur in der Einbildung und im Mund. Und ist das erste Stück, Buße und Sündenerkenntnis, verloren, dann ist sowohl das zweite als auch das dritte falsch. Auf diesem Wege wird aus einem Christen ein Pharisäer.
Diese Trägheit hat auch eine andere unglückliche Folge, nämlich die Leere in der Seele, jene Müssigkeit, Sattheit, Lauigkeit und Sicherheit, durch die dem Teufel und seiner Gesellschaft alle Pforten geöffnet werden. Wenn kein Streit und keine Siegesfreude mehr da ist, keine Sünde und Not, kein Gebet, keine Freude über die Gnade, kurz, keine Übung mehr zu finden ist, dann ist das Christentum bald ausgelernt und hat nichts anderes mehr in sich, als nur Überdruss und Last.
Dies ist der Zustand, den Jesus Matthäus 12:44 so nennt, dass das Haus gekehrt und geschmückt ist. Da kehrt der Teufel ein und gibt der Seele eine Beschäftigung im Überdruss, eine Ausfüllung in der Leere, einen Abgott oder eine Sündenlust, die er als sehr angenehm und lieblich und als gar nicht gefährlich darstellt. Sie schmeckt nun ungewöhnlich gut nach dem Fasten, weil es vorher so leer, so einsam war; es war keine Übung, kein Schatz, keine liebe Gesellschaft für das Herz da.
Das Menschenherz aber ist so beschaffen, dass es immer eine Ausfüllung, einen Schatz, eine Gesellschaft haben will. Wenn nun der Schatz vermisst wird, wenn die Freude über die Gnade, der Umgang mit Gott und der Abba-Ruf aufgehört haben, dann schmecken und ergötzen diese neuen Dinge, dann saugt das Herz wie ein Schwamm das Wasser in sich, was der Teufel bietet. Und mit dieser Lust und diesem Götzen, z. B. Freundschaft der Welt, oder Ehre der Welt und Auszeichnung, oder irdischer Gewinn, oder Wollust oder ein anderer Götze geht der alte „Starke“ mit seinen sieben noch ärgeren Geistern hinein, „und sie wohnen allda“.
Es ist wahr, dass jeder Christ sich viel geistliche Trägheit und Versäumnis vorzuwerfen hat. Dabei muss aber ein Unterschied beachtet werden: Die beklagte Trägheit ist oft nur ein Vermissen der Lieblichkeit des Gefühls, während die Christen doch täglich in der Übung stehen, die Gnadenmittel anwenden und danach streben, sowohl zu glauben als auch zu lieben.
Wenn wirkliche Trägheit eintritt, lassen diese sich aber durch den Geist des Herrn strafen und erwecken, so dass sie davor erschrecken und anfangen, das Wort zu ergreifen und bei Gott Gnade zu suchen, um besser zu werden. So stirbt das Leben doch nicht aus.
Geht es aber hingegen so, dass man keine Bestrafungen für seine Trägheit fühlt oder keine Zeit erhält, den Wirkungen des Geistes zu lauschen, dass es vielmehr so übel, wie es ist, weitergehen darf, dann gereicht es zum Fall und zum Tod.
Herkunft: Carl Olof Rosenius (* 03.02.1816; † 24.02.1868)